The World@Home: Brasilien

Wo das Leben auf der Straße stattfindet


Foto: Kay Fochtmann, photocase.de

Fußball WM 2014, Olympiade 2016, neues Denken, neues Design, neue Lebenswelten. In Brasilien ist der Wandel zum Programm erklärt worden. Was sich allerdings kaum verändert hat, ist der familiäre Zusammenhalt, der Lebensqualität auch bei kleinem Wohnraum gewährleistet.

Brasilien ist mit seinen mehr als 200 Mio. Einwohnern nicht nur der fünftgrößten Staat der Erde, sondern auch ein Kosmos krassester Gegensätze: Tropischer Regenwald im Norden, Savanne im Süden. Expandierende Industrie und Luxus in den Wolkenkratzern, Armut und Kriminalität in den Favelas. Hier leben trotz der ambitionierten Regierungsprogramme nach wie vor 11,4 Millionen Menschen – rund 6% der Bevölkerung – am Rande des Existenzminimums. Die verbindenden Elemente aller Gegensätze: Lebensfreude, Toleranz, Duldsamkeit und der unbedingte Wille zur Veränderung. Brasilianer, die in Europa leben, meinen: „Wenn man fünf Jahre nicht zuhause war, findet man das alte Brasilien kaum wieder.“

Dass der Mindestlohn unter 300 Euro monatlich und die Lebenserwartung mit 73 Jahren unter europäischem Durchschnitt liegen, lässt allerdings kaum einen Brasilianer schlecht schlafen. Nicht die Länge des Lebens zählt, sondern die Kraft und die Lust, mit der es gelebt wird. Im Karneval feiern die Menschen das Leben und sich selbst bis zur Erschöpfung und vergessen stagnierende Wirtschaft, Umweltverschmutzung und das tägliche Verkehrschaos. Die meisten Berufstätigen haben lebenslang mehr als einen Job, und die eigenen vier Wände sieht man oft nur zum Schlafen. Das eigentliche Leben findet weitgehend auf der Straße statt. Hier wird gefeiert, getanzt und gearbeitet.

Das mag wohl auch der Grund sein, warum Brasilianer in der Regel keinen übersteigerten Wert auf Wohnkultur legen. Obwohl ein Umdenken unübersehbar ist: Hat sich Brasilien bis in die neunziger Jahre in Sachen Design und Ästhetik noch an Europa orientiert, haben selbstbewusste junge Designer wie die Brüder Leonardo und Humberto Campana sich auf handwerkliche Fertigkeiten und Materialien besonnen, die im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße liegen. Der Favela-Stuhl aus Recycling-Bauholz hat es inzwischen von der nationalen Provokation bis ins Museum of Modern Art in New York geschafft. Notlösungen und Kompromisse sind der Fundus der alltäglichen Realität, aus dem brasilianisches Design schöpft. Der rechte Winkel der asketischen Moderne hatte hier nie wirklich große Chancen. Schon Brasiliens Design-Ikone Oscar Niemeyer, der mit seinen an Science Fiction erinnernden Entwürfen für die Hauptstadt Brasilia das Land architektonisch ins 21. Jahrhundert führte, hat die scharfen Bauhauskanten weichgezeichnet. Und die junge Designergeneration? Die ist mit ihrem brasilianischen Formvokabular längst auf den internationalen Messen zuhause.

Das Wohnkonzept einer ganz normalen Familie mit ihrem Alltag von 12 - 14 Arbeitsstunden ist davon wenig betroffen. Mit etwas Glück haben sie ein kleines Haus, in dem jeder sein eigenes Zimmer hat. Doch die Menschen verbringen viel Zeit auf der Arbeit und auf der Straße – nicht immer, um zu feiern, sondern auch in Bussen, die im Stau stecken. Jugendliche gehen gemeinsam shoppen, ins Kino, zum Sport und zum Tanzen. Zuhause sind die Einrichtungen zweckmäßig und robust. Hier wechselt man die Möbel nicht mit jeder Mode. Ein möglichst raumfüllender Flatscreen TV ist allerdings generationsübergreifend ein absolutes Muss. Er diktiert Sitzordnung und Familienprogramm und ersetzt sozusagen den Hausaltar vergangener Zeit. Auch ein großer Markenkühlschrank gehört zu den Prestigeobjekten, die man sich leistet. Um ihn – oft in Raten – zu bezahlen, wandert der Esstisch auch schon mal vor die Tür, beladen mit süßen oder deftigen Leckereien zum Verkauf. Brasilianer sind einfallsreich, wenn es darum geht, die Familienkasse aufzubessern. Das müssen sie auch sein, denn oft genug müssen mehrere Generationen unter einem Dach zusammenwohnen und sich die Kinder ein Zimmer teilen. Nicht selten bleibt der Sohn nach der Heirat mit seiner Ehefrau zu Hause wohnen, um seine Eltern weiterhin zu unterstützen.

Ein wirklicher Luxus der Brasilianer heißt allerdings Sicherheit. Wer es sich leisten kann, zieht in die Condominios, geschlossene Wohnkomplexe mit eigener Infrastruktur, deren Luxus – Sicherheits-Check am Eingang, Sauna, Schwimmbad und ständig laufender Klimaanlage – mit 500 bis 1000 Euro im Monat für Brasilien einen stolzen Preis hat. Hier träumt man von den angesagten Labels und spart auch schon mal auf ein Designerstück, und sei es auch nur ein Imitat.

Religiös geprägt ist das Land nach wie vor, allerdings heißen die Götter der neuen Generation Wohlstand, Bildung und Smartphone. Brasilien ist ein Land im Wandel, und die jungen, oft hervorragend ausgebildeten Brasilianer sind entschlossen, diesen Wandel zu gestalten. Dass die Wirtschaft stagniert, das Lohnniveau niedrig und das Chaos groß ist, nimmt man hier als Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Und Fortschritte sind durchaus sichtbar. Als eines der wichtigsten Schwellenländer ist Brasilien auf der Zielgeraden zur Industrienation. Auch wenn die Systeme nicht immer reibungslos funktionieren, ist heute jeder Brasilianer sozialversichert, Bildung boomt, für jedes Kind, dass zur Schule geht, gibt es ein Taschengeld von 30 Euro pro Monat, die Arbeitslosigkeit liegt unter 6 Prozent und die Olympischen Spiele 2016 stehen vor der Tür: Brasilien leuchtet. Nicht nur auf dem Flatscreen.


Redaktionshinweis:
Stärkeres Engagement in Brasilien - Mit der Übernahme des brasilianischen Messeveranstalters Interfeiras Eventos Ltda. durch die brasilianische Tochtergesellschaft der Koelnmesse, Koelnmesse Organização de Feiras Ltda., verstärkt die Kölner Messegesellschaft ihr Engagement in Brasilien.

Weitere Informationen: http://blog.koelnmesse.de/2015/08/staerkeres-engagement-in-brasilien/#more-6156


Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.