„Ich mag alle Aspekte des Gestaltungsprozesses!“

Interview mit Marcio Kogan




Ein Interview mit dem Architekten und Gründer von studiomk27 in São Paulo, Marcio Kogan, über brasilianische Architektur, die Beziehung zwischen Innen- und Außengestaltung, und über seine Erfahrungen als Filmregisseur

Marcio Kogan, wie hat sich die Architektur in den letzten Jahrzehnten in Brasilien verändert? Gab es so etwas wie 'typisch brasilianische' Einflüsse auf die Architektur?
Meines Erachtens hat Brasilien die besten Beispiele der modernistischen Architektur hervorgebracht. Den Grundstein hierfür legte Le Corbusier im Jahr 1936, als er mit einem Zeppelin nach Brasilien reiste, um mit Lucio Costa beim Bau des neuen Erziehungsministeriums zu kooperieren. Lucio hatte ein Team aus außerordentlich talentierten Architekten zusammengesetzt. Die Mischung aus europäischem Modernismus und brasilianischem Sensualismus und Tropikalismus führte zu einer ikonischen Stilrichtung in einem Land, das zu dem Zeitpunkt komplett vom Rest der Welt abgeschnitten war. Das Gebäude wurde während dem Zweiten Weltkrieg errichtet und Gropius meinte hierzu einmal, dass Brasilien Frieden schaffte, während Europa sich selbst zerstörte. Als im Jahre 1960 die Hauptstadt nach Brasilia verlegt wurde, erreichte diese Stilrichtung ihren Höhepunkt. Dies hat ganze Generationen von Architekten stark geprägt und findet auch Ausdruck in den Arbeiten von studiomk27.

Zu Ihren zahlreichen Tätigkeiten zählen unter anderem Entwürfe für Wohnungen, Geschäfte oder Hotels. Wie wichtig ist dabei das Interior, das Kreieren eines architektonischen Zusammenhangs für Sie?
Für mich gibt es keine Trennung zwischen Innen-und Außengestaltung. Ich mag alle Aspekte des Gestaltungsprozesses. Ich leide an Kontrollwahn. Ich muss alles kontrollieren können, um mich bei einem Projekt sicher zu fühlen. Dies kommt natürlich nicht immer vor und das ist eine absolute Folter für mich.

Worin sehen Sie als jemand, der in einer riesigen Stadt wie São Paulo lebt, die größten Herausforderungen für Architekten in Brasilien in der nahen Zukunft?
Ich lebe in einer Stadt von über 20 Millionen Einwohnern, die von Gewalt und Chaos geprägt ist. Sie strahlt eine verführerische, intensive Energie aus und zugleich wird offensichtlich, dass noch viel zu tun ist. In den 50er und 60er Jahren haben die Architekten in Brasilien die Möglichkeit gehabt, viele öffentliche Bauprojekte mit der oben erwähnten architektonischen Qualität umzusetzen. Im Jahre 1964 wurde die Architektur im Zuge des Militärputschs zerstört, da sie eng mit linken Ideen verknüpft war. Sogar heute noch leiden wir unter diesen Folgen. Trotz des Bedarfs an guter Architektur für diese öffentlichen Projekte kommt dies überhaupt nicht mehr, beziehungsweise nur in ganz kleinen Dosen vor.

Sie sind nicht nur ein anerkannter Architekt, Sie haben ebenfalls als Regisseur gearbeitet. Beeinflussen diese Erfahrungen Ihre Gestaltungsphilosophie?
Mein Bildungsweg war etwas ungewöhnlich. Während der Jahre, in denen ich Architektur studierte, begann ich ebenfalls damit, ungefähr ein Dutzend Kurzfilme zu drehen, und bei meinen Universitätsprojekten fehlte immer der Bezug zur Realität. Es waren eher systemkritische und bissige, von zynischem Humor geprägte Träume. Solche Arbeiten könnte man an heutigen Universitäten nicht mehr einreichen. In den 70er Jahren erlebte Brasilien unter dem Militärregime eine politische Krise mit einer bis dahin ungekannten Härte. Als ich die Universität verließ, wusste ich nicht, ob ich Filme drehen oder als Architekt arbeiten sollte. Ich war zu dem Zeitpunkt sehr schlecht auf die reale Welt vorbereitet, da ich die Jahre davor in meinen Träumereien geschwelgt hatte. Kurz darauf drehte ich einen Spielfilm, dessen Produktion ein kleines Vermögen kostete, und erfüllte mir damit zwar einen meiner Träume, erlebte aber zugleich eine derbe Niederlage. Danach begann ich dann, meine Anstrengungen ausschließlich meiner Architektenkarriere zu widmen. Dank dieser turbulenten Erfahrungen verfügte ich über einige interessante professionelle Instrumente – die kinematographischen Dimensionen der großen Leinwand, das Licht, den konstanten Erzählfluss, den der Film erfordert, die Zusammenarbeit in Teams und vielleicht viele andere Dinge, die sich in mein Bewusstsein eingeschlichen hatten.


Profil

Marcio Kogan gründete das Architekturbüro studiomk27 Anfang der 80er Jahre in São Paulo, Brasilien. Heute beschäftigt das Unternehmen 29 Architekten sowie zahlreiche Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Das Team von Architekten, die alle große Bewunderer der brasilianischen Moderne sind, versucht die schwierige Aufgabe zu erfüllen, diese architektonische Stilrichtung neu zu erfinden und zugleich für ihre Kontinuität zu sorgen. Kogan ist Ehrenmitglied des AIA (American Institute of Architects), Professor an der Escola da Cidade, und wurde von der Zeitschrift Época unter die 100 einflussreichsten Personen in Brasilien gewählt. studiomk27 hat über 200 nationale und internationale Preise gewonnen.

www.studiomk27.com.br


Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.