Im Trend: Dekoration

„Weniger ist mehr“ war gestern




Das Dekorative als Gestaltungselement wird neu entdeckt. Coole Accessoires, Kissen in Hülle und Fülle, Sonnenbrillen aus den Sixties, Design-Ikonen aus Holz und Selbstgemachtes gehören zur Wohnung wie die Schuhe zum Outfit. Erst Textilien und in Bündeln hängende Lampen machen das Interior Design komplett. Wir zeigen, warum das Regal nicht mehr das ist, was es mal war.

Auf der einen Seite waren die Wohnungen noch nie so aufgeräumt, klar und minimalistisch clean wie heute: Schubladen mit push-to-open-Technik, schwebende Schiebetüren, versenkbare Flatscreens und großformatige Fliesen scheinen Schränke, Kommoden, Technik, Tische sogar Böden und (mit zunehmender Verbannung der Raufaser-Tapete) sogar Wände zu einer einzigen glatten Oberfläche einzuebnen. Das pure Sein wird zum einzig seligmachenden ästhetischen Maß erhoben. Auf der anderen Seite jedoch wächst der Widerstand gegen diesen cleanen Look.

Denn wie spätestens die letzte internationale Einrichtungsmesse imm cologne bewiesen hat: Gemütlichkeit ist wieder in. Und zur Gemütlichkeit gehört es unserem Empfinden nach anscheinend dazu, die Wohnung mit persönlichen Accessoires und dekorativen Elementen auszustatten. Natürlich können auch aufgeräumte Wohnkonzepte mit Deko-Elementen gemütlich ausstaffiert werden; der Trend zum Dekorativen jedoch bezieht sich auf ganze Wohnkonzepte, besiedelt Sofas mit Kissen und Beistelltischchen, Regalleisten und Konsolen mit dekorativen Accessoires, verstreut Körbe auf sich überlappenden Teppichen und bemächtigt sich ganzer Wände. Wo nicht wenigstens eine Wand in der Wohnung mit einer gemusterten Tapete verziert ist, zergliedern Bildergalerien, Wand-Tattoos und in Gruppen angeordnete Regalfächer die Zweidimensionalität allzu kahler Wandflächen.

Gleichwohl wird nicht ungeordnet drauflos dekoriert. Wo früher vollgestopfte Bücherregale vorherrschten, lehnen heute schlanke Regale und hängen solitäre Kästchen an den Wänden, um ausgesuchte Deko-Elemente zu präsentieren. Hier darf auch die alte, vormals als spießig gebrandmarkte Sammelleidenschaft – modernisiert durch die hippe Flohmarkt-Kultur – wieder ausgelebt werden. Der alte Setzkasten wird dabei durch einzelne Kasten-Regale mit höchstens ein oder zwei Unterteilungen ersetzt, die gerne in Reihe aufgehängt werden. Statt der alten Sammeltassen werden heute Design-Gegenstände oder alte Sonnenbrillen erstanden, statt des Blechspielzeug-Autos stellen sich Design-Enthusiasten Holzautos von Matteo Ragni und Kollegen ins Regal, und generationenübergreifend auftauchende Fans von Star Wars können ihre Sammlung in modern designten Vitrinen in Szene setzen. Kleine Kostbarkeiten wie der hölzerne Klassiker Eames House Bird (Vitra) werden ausgestellt wie seinerzeit die gerahmten Familienfotos auf Omas Kommode, und Vasen stehen in Grüppchen auf Sideboards und XXL-Tischen, deren Funktion schon lange nicht mehr nur auf das Essen beschränkt ist. Da bekommt der Fachausdruck „der gedeckte Tisch“ eine ganz neue Bedeutung.

Vielleicht haben wir haben heute schlicht und einfach mehr Platz, der gefüllt werden kann. Schließlich findet gerade bei der jüngeren Generation ein Großteil des Lebens im virtuellen Raum statt – hier müssen keine Unterlagen und Bücher archiviert, keine LPs und CDs mehr aufgereiht werden. Computer, Internet-Radio und Smartphone machen sich schlank und dadurch eine Menge Möbel überflüssig. Die Folge: Regale sind oftmals weniger Stauraum-Möbel als Präsentations-Objekte (z.B. String).

Eine neue Kategorie von Möbeln dient sich dem Dekorationstrend an: Da gibt es Regalleisten, Beistelltischchen mit einer Schublade und kabelloser Auflade-Station für das schicke Smartphone, minimalistische Vitrinen und kleine Konsolen, die wie Felsvorsprünge oder Kletterhilfen aus der Wand ragen (Corniches, Vitra). In manchem Zeitschriftenregalen können die Magazine nicht gestapelt, sondern nur mit der Cover-Seite nach vorne ausgestellt werden, Paravents bieten sich als Utensilo an, und sogar Blumenbänke gibt es wieder, aber eben in modernen Formen und Materialien. Handtücher werden nicht mehr gestapelt im Waschtischunterschrank versteckt, sondern gerollt und nach Farben sortiert zu einem bunten Bild im offenen Regal arrangiert. Oder über ein Sprossen-Regal drapiert, das an die Wand gelehnt das textile Arrangement zum nicht mehr übersehbaren Hingucker macht. Und wer sich vom DIY-Trend anstecken lässt, greift zu alten Weinkisten statt zu The Crate von Jasper Morrison. Für das gesparte Geld besorgt er sich dann eine coole Tool-Box.

Allein: Gezeigt wird nur das, was gesehen werden soll. Alles andere verschwindet immer noch hinter besagten glatten Oberflächen, Türen und Schüben.


Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.