So wohnt die Welt

Dänemark


Skandinavisches Design ist ein derzeit hochaktueller Lifestyle: Schlichte, alles Komplizierte auf einen sympathischen Nenner vereinfachende Formen machen diesen Einrichtungsstil aus, außerdem natürliche Materialien, helle Hölzer und Textilien, modern und leicht arrangiert. Helle, lichte Interieurs kombinieren ein ganzes Spektrum an Weiß-, Grau- und Pastelltönen, hier und da akzentuiert durch einen kräftigen, spielerisch wirkenden Farbkleks. Ein Eirichtungsstil zum Wohlfühlen.

Passend dazu scheint in Dänemark alles etwas langsamer zu gehen als im Rest der Welt. Doch allmählich sickert die Globalisierung mit den Lifestyle-Magazinen und den steigenden Immobilienpreisen ins Alltagsleben der Dänen. Gleichwohl halten sie an ihren Werten fest – an ihrem Glauben an (Wohn-)Qualität, schöne Details und Nachhaltigkeit. Nirgends außerhalb der Niederlande wird wohl so viel Rad gefahren wie in dem kleinsten Land Skandinaviens.

Über das skandinavische Interior Design existieren viele Klischees: Hell und freundlich, einfach und gemütlich sehen demnach die Wohnungen in Stockholm, Kopenhagen & Co. aus. Die Bilder in den Köpfen der Rest-Europäer vom skandinavischen Idyll gleichen denen im Ikea-Katalog. Tatsache ist: Das Klischee stimmt – zumindest zum Teil. Denn die Wohnkultur der Dänen ist weitgehend traditionell geprägt. Und das scheint gleichbedeutend zu sein mit natürlichen Materialien, handwerklicher Qualität und einer natürlichen, fröhlichen Farbpalette.

Gleichwohl gilt derzeit das skandinavische Design als eines der progressivsten überhaupt. Eine neue Generation von Designern feiert international Erfolge, indem sie die große Tradition der skandinavischen Moderne ihrer Heimat mit Respekt, aber auch mit einem neuen Selbstbewusstsein weiterentwickeln. Zu dieser Gruppe gehört auch die Dänin Louise Campbell, die durch ihre Leuchten für Louis Poulsen und Arbeiten etwa für Zanotta, HAY, Royal Copenhagen, Holmegaard, Stelton oder Muuto bekannt ist. Auch sie kann sich über die Erfolgsgeschichte des skandinavischen Designs nur wundern: „Dabei sind einige der besten skandinavischen Designer gar nicht mehr skandinavisch – die Bouroullec-Brüder haben zum Beispiel einen skandinavischen Touch“, findet sie. Typisch für das skandinavische Design seien in jedem Fall die Konzentration auf das Detail und die Verwendung natürlicher Materialien.

Holz und andere rohe, natürliche Materialien werden für das Design immer interessanter – unter anderem, „weil sie einfach ‚richtig‘ aussehen und einem das spontane Gefühl geben, in die richtige Richtung zu gehen“, findet Cecilie Manz. Der nächste Schritt, bei dem neue Materialien mit positiven Effekten verbunden werden, braucht wohl einfach mehr Zeit für eine breite Akzeptanz. Die ebenfalls in Kopenhagen ansässige Designerin, die in ihren Möbeln und Leuchten eine ganz eigene Synthese von Minimalismus und Sinnlichkeit erzielt, glaubt auch „an einen Trend zur ästhetischen Reinheit oder auch Bescheidenheit – einfach, weil wir von den letzten Jahren übersättigt sind. Vielleicht wird sich diese Bewegung für längere Zeit Seite an Seite mit der ‚grünen‘ entwickeln.“

Der Grund für die angenehme, zeitgemäße Mischung aus klassisch-zeitlosem Design, vorsichtiger Trendorientierung und ausgesprochener Wohnlichkeit ist, dass in Dänemark Tradition und Moderne nicht im Widerspruch miteinander stehen. „Wir haben ein absolut konservatives Verständnis von Qualität, und wir haben ein sehr gefühlsbetontes Verhältnis zu Design“, bekennt Louise Campbell, die als Guest of Honor auf der imm cologne 2014 „Das Haus – Interiors on Stage“ gestalten wird – eine 1:1-Inszenierung von ihrer Vision künftigen Wohnens. Sie verweist auf die starke dänische Designbewegung der Nachkriegsepoche mit ihrem demokratischen Designverständnis, angeführt von Designern wie Arne Jacobsen. „Dänen werden dazu erzogen, auf Qualität und auf Design zu achten. Wir wurden sozusagen mit Design zwangsernährt. Und das sieht man unseren Wohnungen an.“

Der Schlüssel zum Verständnis dänischer Wohnkultur ist die Sehnsucht der Dänen nach Licht und Luft. Dänemark ist aufgrund der Lichtverhältnisse und des Wetters ein Land mit extremen Kontrasten, mit langen Tagen im Sommer und kurzen, schon um drei Uhr nachmittags dämmrigen Tagen im Winter. Die Menschen passen sich diesem Wandel an. „Im Sommer, wenn es nachts kaum dunkel wird, vergessen wir, dass es einen Winter gibt und leben den ganzen Tag draußen, im Garten, in der Natur, auf den Straßen, wir sind offen und freundlich. Aber im Winter verwandeln wir unsere Wohnungen in höhlenartige Orte“, erklärt Louise Campbell. „In der dunklen Jahreszeit ziehen sich viele Menschen zurück, wirken oft reserviert und unnahbar. Umso mehr Energie wird darauf verwendet, ein atmosphärisches Licht zu erzeugen, um den Mangel an Tageslicht auszugleichen.“

Für viele Dänen gehören Textilien aus natürlichen Materialien, Leder, Keramik und Glas einfach zum Leben dazu – und natürlich Holz, immer wieder Holz. Jedoch nicht nur, wie im Klischee vorausgesetzt, helle Hölzer wie Birke, Fichte und Kiefer, sondern auch Eiche und dunklere Hölzer wie etwa Nussbaum oder Walnuss. Denn in den legendären 50er- und 60er-Jahren waren es gerade die etwas dunkleren, wärmeren Holztöne, die von Designern wie Hans Wegener, Finn Juhl oder Arne Jacobsen verwendet wurden, wobei Buche für die günstigere, Teak für die noblere Variante steht.

Noch heute haben auch junge Dänen eine starke Beziehung zu der Designgeschichte ihres Landes und ihrer Region. Hochwertige Produkte dänischer Marken wie Fritz Hansen, Aksel Kjersgaard oder Gubi werden als begehrte Erbstücke weitergegeben oder als Second Hand-Artikel gesucht. Selbst Leute mit geringem Einkommen sparen auf ein paar Stücke feinsten Porzellans von Royal Copenhagen. „Bei uns geht nichts verloren. Langlebigkeit ist auch eine Form von Nachhaltigkeit“, erklärt Louise Campbell selbstbewusst.

Die andere Seite der dänischen Designtradition orientiert sich an der demokratischen Überzeugung der alten Meister, Design solle für jedermann erschwinglich sein. Das zeigt sich etwa in der Neuauflage alter Entwürfe dieser Zeit durch den Einzelhandelsriesen Coop, wo die Stühle von Hans J. Wegener, Poul M. Volther, Ejvind A. Johansson oder Børge Mogensen als Relaunches wieder zu kaufen sind. Und auch die Erfolge von jüngeren Marken wie Muuto, Normann Copenhagen, &tradition sind nur so zu erklären: Die Dänen lieben Design – quer durch alle Einkommensschichten.

Und natürlich werden auch in Dänemark alte Möbel weggeschmissen. Aber nur die ganz billigen. Alles andere bleibt.

Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.