Trend-Übersicht: Was das Wohnen formt

Die Trends in der Wohnkultur zeigen sich nicht nur im Produktdesign, sondern auch am Wandel der Wohnkonzepte. Wir fassen die sechs wichtigsten Trends zusammen.


Die Art, wie wir uns einrichten, ist nicht nur eine Frage der Mode, sondern das Ergebnis kultureller Prägung und aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. In der Wohnung materialisieren sich Lebensmuster, Alltagsrituale, Ideale, Beziehungsstrukturen, Konsumhaltung, soziale Bedingungen sowie individuelle Weltbilder und Wünsche. Daher zeigen sich die Trends in der Wohnkultur nicht nur im Produktdesign, sondern auch am Wandel der Wohnkonzepte. Wir fassen die sechs wichtigsten Trends zusammen.

Urban sprawl: Die Stadt als natürliches Habitat

Attraktive Städte genießen nicht nur bei den Immobilienpreisprognosen höchste Sympathiewerte. Familienleben auf dem Lande gilt heute als konservatives Lebensmodell. Wer es sich leisten kann und auf weitläufiges Grün verzichten mag, achtet deshalb lieber auf frühkindliche Verkehrserziehung, meidet die Schmuddelkinder und genießt dafür ein cooles Stadtleben mit Dachterrasse und Hinterhofidyll nebst Waschsalon und Café um die Ecke. Da die klassischen Familienstrukturen immer seltener werden, dafür aber immer mehr Singles und lebenshungrige Menschen jenseits der 50er-Marke die städtische Infrastruktur bevorzugen, gewinnt die Stadt wieder an Attraktivität. Sanierte und umgenutzte Industriegebäude, Urban Gardening-Projekte oder neu erschlossene, schicke Hafenviertel am Fluss verkörpern das Idealbild urbanen Wohnens und werten das Image der Stadt auf. In dem Maße, wie das Umland verdichtet wird und die Städte sich um Grünzonen, verkehrsberuhigte Wohngegenden und die Kultivierung des Straßenlebens bemühen, zieht es die Menschen wieder zurück in die Zentren. Die neue Landflucht steht für den Wunsch nach Unabhängigkeit, Modernität und vor allem Mobilität – und das in jedem Alter.

Homing: Die Wohnung ist Welt genug

Der Megatrend Homing hält an. Und es wird noch schöner und gemütlicher dank wohnlicher Materialien und Farben und vor allem viel, viel Textil – mal farbig und bunt, mal dezent und natürlich, an Wänden und Fenstern, auf Böden und diversen Sitzgelegenheiten. Noch nie schien sie wertvoller als heute, die eigene kleine Welt, in die man sich vor der feindlichen Außenwelt zurückzieht. Doch niemand will sich heute mehr in seiner Wohnung verschanzen und vergraben. Vielmehr wird der Cocon dosiert geöffnet. Ein Freundes-Netzwerk ersetzt schwächer werdende Familienbande und das schwindende Loyalitätsempfinden in der Arbeitswelt. Gäste sollen sich hier zuhause fühlen. Ein großzügiger Bereich zum Wohnen/Kochen/Essen, ein möglichst großer Esstisch als Zentrum und eine ordentliche multimediale Ausstattung gehören heute zum modernen Wohnen. Die Wohnung wird zur repräsentativen, freundschaftlichen Geste – Visitenkarte und Einladung zugleich.

Public Private Life: Die Wohnung als Wunderwaffe in stürmischen Zeiten

Früher übernachtete der gestresste Manager schon mal im Büro – heute schläft der flexible Mitarbeiter im Home-Office auf dem Sofa über dem Notebook ein. Das Heim ist kaum mehr vor dem Auge der Öffentlichkeit zu schützen und dient genauso der Präsentation wie der Regeneration. Die Wohnung wird zum Steuerungszentrum und somit zum Allheilmittel für jedes Bedürfnis, ob beruflich oder privat. Hier kann man schnell mal zwischen der öffentlichen und der privaten Person wechseln, sich von dem Lounge-Dining-Outdoor-Bereich in die Privaträume zurückziehen und seine Schlachten auf vertrautem Boden schlagen.

Spiritualität heute: Möbel mit Mehrwert

Der Gesundheits- und Wellnessboom ist einfach nicht tot zu kriegen. Die Wohnung – und darin vor allem das Bad – ist Multifunktions-Plattform rund um Fitness, Regeneration, Reinigung und emotionalem Erlebnis. Gesundheit bedeutet heute mehr als die Abwesenheit von Krankheit; sie geht einher mit körperlicher Leistungsfähigkeit, Langlebigkeit, seelischer Ausgeglichenheit und geistiger Stärke. Gesundheitspflege wird zu einer spirituellen Aufgabe, der sich Wohnmaterialien, Möbel und Einrichtungsstrukturen anzupassen haben. Feng Shui und geölte Massivholzmöbel waren nur der Anfang – heute wird mit indischer Vasati-Lehre (vom energetischen Wohnen und Bauen), Schadstoffe schluckenden Tapeten und Magnetfeldtherapie-Matratzen aufgerüstet. Im privaten Raum finden Glaube und Wissenschaft problemlos zusammen. Hauptsache, man fühlt sich wohl.

Outdoor Living Room: Zuhause unterm Sternenhimmel

Couch-Potatoes sind uncool. Daheim relaxen hingegen – egal, ob allein, mit den Kumpels oder Geschäftsfreunden – ist es nicht. Und so holen wir uns das Lebensgefühl der Straßencafés und Biergärten einfach auf die heimische Terrasse. Gärten werden wieder professionell gestaltet und traditionell, frei nach Feng Shui oder streng architektonisch gestylt. Wie im Barock wird der Garten zum Ausdruck kultivierten Geschmacks, die Natur zum verlängerten Wohnraum. Die Grenzen von Outdoor und Indoor sind fließend, und auch die (wetterfeste) Möblierung widersetzt sich einer klaren Klassifizierung. Gerade in dicht bebauten Gebieten blüht ungeachtet des Großstadtflairs der Frischluft- und Naturfanatismus. Gegensätze, die sich bisher vielleicht nur angezogen haben, nun aber in Perfektion mit der modernen Architektur verschmelzen.

Interior Concepts: Räume neu erfinden

Mit den sich verändernden Wertvorstellungen und Lebensmustern bilden sich auch neue Wohnmodelle aus. Schon heute verschmelzen unterschiedliche Wohnbereiche zu großzügigen All-in-one-Räumen, in denen sich individuelle Strukturen für die Patchwork-Familie genauso realisieren lassen wie Single-Haushalte. Die neuesten Architekturkonzepte propagieren die Ein-Raum-Wohnung, in der nur noch die Schlaf- und Intimbereiche abgetrennt werden. Tatsächlich fallen immer häufiger die Wände zwischen Küche, Ess- und Wohnbereich weg, genauso wie zwischen Schlafzimmer und Bad, die zu einem Private Spa fusionieren, das nur noch mit den klimatechnisch notwendigsten Abtrennungen ausgestattet wird. Langfristig werden der größere Platzbedarf und die Erweiterung des „Familien“-Kreises um Freunde und Gäste aber auch wieder zu einer größeren Differenzierung von Räumen führen.
Räume mit Funktionen für individuelle Bedürfnisse – wie Computerecke, Spielzimmer, Ankleideräume, Herrenzimmer, Fitness- oder Meditationsraum, Lese-Galerie oder das gute alte Bügelzimmer – werden als Rückzugsbereiche genutzt werden. Die Kunst wird es sein, eine Bedürfnisdifferenzierung zu realisieren, ohne die Großzügigkeit eines zentralen, gemeinsam genutzten Aufenthaltsraumes aufzugeben.

Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.