Macht Mode Möbel?

Ein Bericht aus der Perspektive einer Innenarchitektin über Verbindungen und Parallelen zwischen den Möbel- und Modewelten.




Schwarz-Weiß oder Kupfer und Gold, Glockenform oder Lagen-Look, samtig-weich, filigran gehäkelt oder wolliger Grob-Strick – sind das nun Beschreibungen der neuesten Kollektionen vom Laufsteg oder aus den Messehallen? Haute Couture, Prêt-à-Porter oder Schrankoberflächen, Polstermöbel und (teilweise tatsächlich gehäkelte) Lampen? Den Endverbraucher interessieren die Grenzen zwischen Möbel und Mode wenig. Hauptsache, es gefällt und liegt im Trend.

Es ist einer der meistwiederholten Glaubenssätze der Branche: Produktdesign ist eine von der Mode weitgehend unabhängige Disziplin, die sich mehr an Werten wie Zeitlosigkeit, Ergonomie und Gebrauchsnutzen orientiert und sich weniger mit modischen Stilfragen beschäftigt als mit konstruktiven Modellen. Gleichwohl aber interessiert die Branche nichts brennender als die neuesten Trends, wenn im Januar die erste Einrichtungsmesse des Jahres, die imm cologne in Köln, beginnt. Wo also sind Gemeinsamkeiten zu suchen, die ein ernsthaftes Interesse der Möbeldesigner und –hersteller rechtfertigen?

Dass die Einrichtungsbranche von der Mode profitieren kann, davon ist die Innenarchitektin Martina Lorbach (www.seiten-ansicht.de) überzeugt. Nachdem sie sich, inspiriert von einem Studienprojekt des Pressblech-Herstellers Sandvik, erst einmal auf das Thema eingelassen hatte, entdeckte sie nicht nur in den Prägemuster-Entwürfen der Studenten Parallelen zur Modewelt. „Wenn ich heute über eine Messe gehe, sehe ich überall neue Strukturen, Oberflächen und Formen, die mit den Modetrends in Verbindung zu setzen sind“, berichtet die Kölnerin über ihre veränderte Wahrnehmung.

Bezüge zur Mode lassen sich am offenkundigsten durch Bezugsstoffe und Farbkombinationen belegen, aber auch durch Strukturen und Muster, ja sogar durch Formen, wie etwa beim Glockenrock, dessen eckig gebrochene Form aktuell bei manchen Leuchten wiederzufinden ist. In Kombination mit Mustern, die die dänische Designerin Louise Campbell aus sich überschneidenden Kreisen entwickelte, findet sich die Form etwa bei den Lampen wieder, die sie in ihrer Installation „Das Haus – Interiors on Stage“ auf der imm cologne 2014 vorstellte. Lampen und Textilien – entwickelt mit Kvadrat – fanden beim Publikum begeisterten Anklang. Spannend fand Martina Lorbach auch, dass sich Details der Installation – wie die Einschnitte in die Stoffe oder die schuppenförmige Außenverkleidung des Hauses – als Gestaltungsprinzipien in der Mode wiederfinden. Hier gibt es vor allem in der Haute Couture aktuelle Trendbeispiele von Lagen-artigem Pailettenbesatz und geschuppten Stoffen und Schnitten.

Ein wichtiges Prinzip, das Mode und Interior Design aktuell verbindet, erkennt Martina Lorbach in der Kombination von Luxus und Alltag, von High-End und Banal-Kultur. Hier versetzt Chanel den Catwalk in einen künstlichen Supermarkt und verschweißt Kleider wie Wurstwaren, dort wird Gold und Glamour zusammen mit Filz und Holzpaletten-Charme inszeniert. Glitzer und Glamour, ergänzt durch ein bisschen 70ies-Style, sind Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses, mit dem Wohlstand offen gezeigt und genossen wird. Und auch der aktuelle Interior-Trend von Kupfer, Messing und echtem Gold wird gerne mit Grobem kombiniert – mit rauem Holz, grobem Strick oder bodenständigem Filz.

„In der Fliesenbranche ist zu sehen, welchen Auftrieb eine konsequente Ausnutzung der neuen technischen Möglichkeiten zur Schaffung aufregender Muster und Oberflächenstrukturen bringen kann. Natürlich kann man bei Möbeloberflächen nicht dieselben, oft sehr ausgefallenen und extravaganten Strukturen verwenden, aber in abgewandelter Form wäre das vielleicht auch bei Möbeln für den Endverbraucher interessant“, findet die Innenarchitektin. Über den Bereich Tapeten und Vorhänge mit ihren sich schneller erneuernden Kollektionen werden die Modetrends, die eine gewisse Durchsetzungskraft beweisen, irgendwann auch Einzug bei den Schichtstoffen und Oberflächen der Möbel erhalten. Und hier geht der Trend ganz klar in Richtung perfektionierter Strukturen und haptisch erhöhter Erlebnisse, wie sie etwa bei den Bodenbelägen zum Teil schon bekannt sind. „Die Oberflächen werden haptisch interessante Lösungen anbieten: Sie werden nicht nur geriffelt sein, um so auszusehen wie Holz, sondern sich auch so anfühlen. Im Trend liegen insbesondere matte und samtige Oberflächen, die sich schön und warm anfühlen.“

Dezidiert modische Aspekte sieht aber auch die Innenarchitektin im Wohnbereich lieber im Bereich von Accessoires, Textilien oder speziellen Gimmicks wie Wand-Tattoos und Folien zum „Um-Kleben“ von Schranktüren. „Schließlich ist der Wunsch nach Verlässlichkeit und Langlebigkeit der Möbel ja nachvollziehbar – sowohl aufseiten der Hersteller wie aufseiten der Verbraucher“, so Lorbach.

Letztlich sind es oft die Oberflächen, über die wir eine Beziehung zu den Möbelstücken aufbauen, die wir begehren. Und hier gibt es viele Berührungspunkte mit der Modewelt. Doch auch bei dem Wunsch nach dem „echten Möbelklassiker“ wird schnell übersehen, dass die Vorbilder unseres heutigen Möbelideals zu ihrer Zeit meist Vertreter eines progressiven Designstils waren. Die Balance zwischen Zeitlosigkeit und Zeitgeist, zwischen Neuem und Altbewährtem, Mode und Möbel bleibt eben eine Kunst.


Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.