Interview: Materialexperte Dr. Sascha Peters

„Erste Möbel im 3D-Druck sind bereits realisiert worden.“




Auf der interzum 2015 war Dr. Sascha Peters im Bereich innovation of interior für die Sonderschau „4th Industrial Revolution: 3D Printing“ verantwortlich. Im Interview spricht der anerkannte Materialexperte über das Konzept der Ausstellung sowie die Möglichkeiten, generative Produktionsverfahren für Interior- und Möbeldesigner bieten.

Herr Dr. Peters, welches Konzept steht hinter der Ausstellung „4th Industrial Revolution: 3D Printing“ und welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?
Dr. Sascha Peters: Wir haben in der Ausstellung die Möglichkeiten für den Einsatz generativer Produktionsverfahren für Interior- und Möbeldesigner dargestellt und anhand einiger herausragender Projekte die zukünftigen Anwendungspotenziale aufgezeigt. Dabei gingen wir auf die unterschiedlichen additiven Techniken ebenso ein wie auf die derzeit verarbeitbaren Werkstoffe und Materialien. Live-Präsentationen der aktuell größten serienmäßig erhältlichen FLM-Anlage (Fused Layer Modeling) „BIG Rep“ sowie eines Food-Printers haben den Technologiebereich erlebbar gemacht.

Wie funktioniert 3D-Druck und was bedeutet die Technik der „Generativen Fertigung“?
Dr. Sascha Peters: 3D-Druck, generative Fertigung und additive Produktion sind allesamt Überbegriffe für eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen aufbauenden Techniken, die sich seit Mitte der 80er-Jahre entwickelt haben. Charakteristisch ist dabei das Material hinzufügende und nicht wie bei konventionellen Techniken ein Material abhebendes Fertigungsprinzip wie beim Drehen oder Fräsen. Die bekanntesten Verfahren für den Consumer Bereich sind das 3D-Printing und das FLM Fused Layer Modeling. Beim 3D-Printing wird schichtweise Materialpulver wie zum Beispiel Stärke oder Gips aufgebracht und mit einem Bindemittel an den Stellen verklebt, an denen am Ende das Bauteil entstehen soll. Das Bindemittel wird durch einen konventionellen Druckkopf an die entsprechende Stelle gebracht. Deshalb hat sich der Begriff 3D-Printing für das Verfahren durchgesetzt. Beim Fused Layer Modeling FLM wird nicht mit einem Pulver, sondern mit einem Kunststoffdraht gearbeitet. Vergleichbar mit einer Heißklebepistole wird in einer Düse das Material aufgeschmolzen und anschließend linien- bzw. tröpfchenförmig aufgebracht. Da in 2009 einige wichtige Patente für diese Technologie ausgelaufen sind, hat sich in den letzten Jahren hier die größte Dynamik entwickelt.

Was bedeuten die neuen Verarbeitungsmöglichkeiten additiver Technologien für die Anwendung im Interior- und Möbeldesign? Welche Chancen und Herausforderungen eröffnen sich hier für die Innenraumgestaltung?
Dr. Sascha Peters: Bislang waren die Anwendungen für generative Verfahren auf die Anfertigung von Prototypen und die Herstellung kleiner Bauteile mit komplexer Geometrie beschränkt. Durch die größer werdenden Bauräume der Anlagen und neue Werkstoffsysteme gehen die Möglichkeiten immer mehr in Richtung der direkten Produktherstellung auch für den Interior- und Möbelbereich. Erste Vorhaben von Designern zur Umsetzung von Möbeln sind bereits realisiert worden, spielen sich aber zunächst noch in der Galerie-Szene ab. Da sich aber mit den additiven Technologien ganz neue formale Gestaltungsmöglichkeiten ergeben, die auch mit einem erheblichen Einsparpotenzial des eingesetzten Materials verbunden sind, gehen Experten für die Zukunft von einem stärkeren Einsatz der Technologien im Interior- und Möbeldesign aus. Neueste Entwicklungen deuten auch auf Potenziale zur Integration von funktionalen Komponenten und Licht während des Baus hin.

3D-Drucke werden immer billiger, die Materialien vielfältiger und belastbarer. Was werden wir in Zukunft alles im 3D-Druck herstellen können?
Für die Kreativbranche haben generative Techniken seit jeher eine große Anziehungskraft. Denn mit 3D-Druckern können Entwürfe umgesetzt werden, deren Realisierung wegen technischer oder wirtschaftlicher Restriktionen bislang schlichtweg unmöglich war. Dies betrifft Produkte und Entwürfe mit komplexen Geometrien ebenso wie solche mit Hohlräumen, Hinterschneidungen und beweglichen Komponenten. Bei den Herstellern sehen wir derzeit auch ein großes Interesse an diesem Bereich. Wir können davon ausgehen, dass die Hersteller zunächst Kleinteile aus Kunststoffen oder Metallen, also Beschläge, Griffe oder Haken mit komplexen Geometrien im 3D-Druck anfertigen lassen werden. Dies macht insbesondere dort Sinn, wo nur kleine Stückzahlen benötigt werden oder die Lagerung von Ersatzteilen aus Kostengründen keinen Sinn mehr macht. Im Bedarfsfall würde der Kunde ein Bauteil im Internet beim Hersteller bestellen. Dieser würde eine Produktionsanlage in der Nähe des Kunden auswählen, die digitalen Fertigungsdaten versenden und dort drucken lassen. Der Logistikaufwand würde sich deutlich reduzieren und die industrielle Fertigung würde sich zielgerichteter auf den Kundenwunsch ausrichten. Wann sich der 3D-Druck für vollständige Möbelsysteme lohnen wird, ist noch nicht klar. Wir erleben aber derzeit eine Art Goldgräberstimmung, die in den letzten zwei bis drei Jahren hunderte neuer Unternehmen im Bereich der generativen Fertigung hat entstehen lassen.


Weitere Informationen:
www.haute-innovation.com


Quelle: Koelnmesse. Abdruck honorarfrei.